Du « périph » au « boulevard central »

© 2009, archithese 3.2009, Jörg Seifert, Angelus Eisinger et Nina Brodowski

Notizen zu einem urbanistischen Labor für die Stadt des 21. Jahrhunderts

Ihren den Anforderungen der Zeit entsprechenden Städtebau hat die Stadt des 21. Jahrhunderts erst noch zu finden. Denn längst entspricht das Stadtverständnis der Zentralität des 19. Jahrhunderts nicht mehr den faktischen urbanen Realitäten. Städtebaulich umfassend gestaltete Polyzentralität vielmehr weist den Weg in Richtung Metropolen von morgen. Das Kyoto-Protokoll, die Zwischenstadt sowie die Global-City-Diskurse sind dabei Eckpfeiler eines solchen neuen Stadtverständnisses. Gerade in Paris konkretisieren sich momentan solche abstrakten Programmpunkte eines städtebaulichen Arbeitens an der Stadt des 21. Jahrhunderts.

Programmpunkte für eine Metropole im 21. Jahrhundert

Auf dem Papier sind die Anforderungen an den Städtebau für die Stadt des 21. Jahrhunderts klar. Sie betreffen die Frage zeitgemäßer Ordnungsfiguren – von der lokalen bis zur überregionalen Ebene – ebenso wie Entwicklung von Strukturen, die einen möglichst sinnvollen Umgang mit knappen Ressourcen ermöglichen. Diese Stadt ruft somit nach plausibler Strukturierung von räumlichen Netzwerken mit ihren Brennpunkten. Sie besitzt allerdings noch kaum Bilder oder konkrete Vorlagen, an denen sich die Urbanisten orientieren können.

Es mag erstaunen, dass es ausgerechnet in Paris ist, der eigentlich ikonischen Verkörperung der Metropole des 19. Jahrhunderts, wo heute die abstrakten Programmpunkte durch umfassend ausgerichtete Ansätze eines städtebaulichen Arbeitens an der Stadt des 21. Jahrhunderts konkretisiert werden. Mit Blick auf die verschiedenen Aktivitäten lässt sich freilich nicht von einem konsistenten Vorgehen sprechen und noch viel weniger steht dahinter ein Modell, das die Transformation der Stadt orchestrierte. Vielmehr greifen die Initiatoren und Agenten der gegenwärtigen Wettbewerbe, Planungen und Umstrukturierungsvorhaben – angefangen beim Staatspräsidenten Sarkozy über den Pariser Bürgermeister Delanoe, sowie die Planungsbehörden der Défense – mehr oder minder unbewusst Teile eines Diskurses und einer Entwicklungsdynamik auf, welche die Metropolen von morgen als städtebaulich umfassend gestaltete Polyzentralität begreifen: Das Kyoto-Protokoll, die Zwischenstadt sowie die Global-City-Diskurse sind Eckpfeiler und Ankerpunkte dieses neuen Stadtverständnisses im 21. Jahrhundert, die in Paris mal mehr, mal weniger stark mit den spezifischen Planungstraditionen gekreuzt werden.

Bis heute stattet Paris als große, noch immer weitestgehend durch Haussmann geprägte Komposition den Mythos europäischer Urbanität mit starken baulichen Assoziationen aus, die stets auch das Pariser Selbstbild beeinflusst haben. Gleichzeitig potenziert gerade der französische – also: der Pariser – Zentralismus das metropolitane Selbstverständnis, Nabel der Welt zu sein. Mit jedem Staatspräsidenten und mit jeder « Ära » formuliert sich bis heute der Anspruch, die Hauptstadt zu prägen und – auch bei international wachsender Konkurrenz – als Weltstadt zu behaupten. Aus diesem Anspruch heraus erfolgt eine Bündelung von Planungsressourcen, die zahlreichen Projekten einen Sonderstatus verleiht und somit eine wesentliche Rahmenbedingung der derzeitigen Laborsituation ist.

Blickpunkt Region

Die Geste der sechs neuen Hochhausstandorte steht im Einklang mit der bisherigen Tradition und der jüngsten Mode der architektonischen Akzentuierung von Entwicklungsschwerpunkten. Implizit ergeben sich daraus wesentliche Gewichtsverlagerungen in der Pariser Stadtentwicklung, deren Implikationen einer genaueren Untersuchung harren. Sie zeigen, wie stark sich die Organisationsprinzipien heutiger Metropolen von den Städten des 19. Jahrhunderts unterscheiden.

Die künftige Konkurrenzfähigkeit des Arbeits- und Wissenschaftsstandort Paris resultiert wesentlich daraus, inwiefern der Groß- und Agglomerationsraum den Bedürfnissen einer globalisierten Wirtschaft genauso gerecht werden kann wie der städtischen Bevölkerung, die es in diesen Prozess zu integrieren gilt. Paris und die anderen europäischen Städte, die sich im internationalen Standortwettbewerb messen, müssen sich dabei auf die Entwicklungsdynamiken hin zu weit ausgreifenden Stadtregionen einstellen. Deren funktionale und soziale Hierarchien sind, in Anlehnung an Manuell Castells, räumlich verschwommen und durchmischt, sie sind geprägt durch « Diskontinuierliche Konstellationen räumlicher Fragmente, funktionaler Teilstücke und sozialer Segmente ». So gilt es planerische und städtebauliche Antworten für räumliche Konstellationen zu entwickeln, die Zentralität nicht an einem Ort, sondern über ein mit vielen lokalen, nationalen und internationalen Netzwerken verwobenes Netz von Zentren einer Stadtregion beinhaltet. Für Paris stellt sich dabei insbesondere die Frage nach einer Integration der Banlieus und Peripherien, sie als nicht intendierte Folgen von top-down-Planungsansätzen die Risiken einer Tradition zentral gedachter grands projets darstellen.

Städtebau als umfassende räumliche Praxis

Während am imaginierten Boulevard Central physisch der städtebauliche Brückenschlag ins ehemalige Umland vollzogen wird, wird die neuste Interpretation von Paris als Metropole im 21. Jahrhundert derzeit in einem Ideen- und Forschungsprojekt, welches das Kultusministerium ausgeschrieben hat, prominent publik gemacht. Mit seiner konsequenten Ausrichtung an den Festlegungen von Kyoto macht der international und multidisziplinär besetzte Forschungs- und Ideenaufruf Le Grand Paris – Le Grand pari de l’agglomeration parisienne deutlich, an welchen Kriterien sich Stadträume zu messen haben. Während die Entwicklung der historischen Achse bis La Défense in der alten Tradition steht, die ehemalige Peripherie für die ökonomischen Bedürfnisse des Zentrums zu erschließen, fokussieren diese Studien die polyzentrale Stadt in Zeiten ökologischer Verantwortung. Der Aufruf verfolg einen Ansatz, der nicht nur Soziologen, Ökonomen und Ökologen nach der Zukunft unserer Städte befragt, sondern eben auch Architekten und Urbanisten, die diese komplexen Herausforderungen auf die Stadtgestalt übertragen. Denn schließlich muss jede ideelle Forderung nach Nachhaltigkeit irgendwann eine Materialisierung im Raum finden und in die Organisation von strömen übersetzt werden, so sie wirksam werden will. Die Ergebnisse sollen Einzug in die Reformpläne Sarkozys finden. 200 Millionen Euro sollen dabei für exemplarische, architektonische Umsetzungen und Projekte investiert werden. Nimmt das Vorhaben seine eigenen Ansprüche ernst, dann bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Investitionen und Projekte nicht nur auf punktuelle Schönheitsreparaturen beschränken. Inwiefern dieses Initiativprogramm konkrete (Infra-)Strukturveränderungen der Stadt Paris mit seinem Umland herbeiführt, bleibt insofern vorerst abzuwarten. Fest steht jedoch, dass Paris mit diesen Fragen im aktuellen Jahrhundert angekommen ist.

Noch begleitet das urbanistische Arbeiten an Paris eine erhebliche Diskrepanz. Auf konzeptueller Ebene der großen Politik werden zeiträumige Zusammenhänge und gewichtige Zukunftsfragen in den Blick genommen und reflektiert, während sich das planerische und politische Alltagsgeschäft noch an beträchtlich kleineren räumlichen Gebilden und ihren Nahtstellen abarbeitet – wofür der Boulevard péripherique exemplarisch ist. In seiner Umwertung deutet sich planerisch die urbanistische Ausformung von Paris uns einer Metropolitanregion als städtebaulich konkret zu bearbeitende polynukleare Struktur an. Die Themen dafür können nicht mehr eins zu eins dem räumlichen Vokabular der klassischen Metropole entnommen werden. Sie verlangen vielmehr nach einem neuen Verständnis von Städtebau, das gestalterisc-räumliche und funktionale Aufgaben mit prozessualen und Nachhaltigkeitsaspekten verbindet. So zeigen die Schwerpunkte an den Portes, dass es erstens um eine funktionale, infrastrukturelle und bauliche Ausformulierung von Brennpunkten geht, die weite Einzugsgebiete abdecken und Funktionen im Raum bündeln. Als zweiter elementarer Baustein erscheinen Infrastrukturen im Maßstab des Großraums, die über die Effizienz der Mobilität bestimmen. Drittens schließlich wird es darum gehen, Stadtlandschaft zum Äquivalent öffentlicher Räume des 19. Jahrhunderts zu machen. Dabei kann Landschaft nicht mehr als Raum verstanden werden, der in gleichsam vorurbanisiertem Zustand verharrt und der Stadt als Gegenpol entgegensteht. Vielmehr ist der Landschaftsraum als innerstädtischer oder als zwischenstädtischer – vor allem aber eben doch urbaner – Planungsraum zu begreifen. Solche Landschaftsräume stellen nicht nur die Erholungs- und Freizeiträume dar, sie strukturieren vor allem auch den Großraum aus übergeordneter Perspektive. Und viertens wird es um eine Neubestimmung und Neuverhandlung des Verhältnisses von Stadt und Kommune gehen, die nicht mehr in den klassischen Vertretungen von Steuerinteressenten aufeinander treffen, sondern in Formen von Projektpartnerschaften an einer gemeinsamen Entwicklung des Standortes – und hier sowohl der verschiedenen Zentren der globalen Netzwerkstadt als auch von den Zwischenräumen – laborieren. Nachhaltigkeit als fünfter Punkt stellt hier größte Anforderungen an die Anpassungsbereitschaft einer Politik- und Planungskultur. Die Implementierung von Nachhaltigkeit verlangt nach erheblichem Prozessmanagement. Dabei sollte nicht vergessen gehen, dass eines der prekärsten Erbstücke des Städtebaus des 20. Jahrhunderts die anhaltende Diskrepanz zwischen Planwelten und Realisierungen bleibt. Dies mussten gerade auch die französischen Planer immer und immer wieder erfahren. Eine nachhaltige Entwicklung in Paris zu lancieren verlangt deshalb auch Wege für Veränderungen von unten – mit lokalen Ansatzpunkten – zu eröffnen. Die großen Pläne sind dafür im besten Falle nur ein Anfang.

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