Paris 2030

© 2009, Tagesspiegel

Frankreichs Hauptstadt hat ein ernstes Problem: die wachsende Kluft zwischen teurem Zentrum und der Banlieue. Nun stellen zehn Architekten ihre Visionen eines „Grand Paris“ vor. Der Schriftsteller Eric Hazan kommentiert sie für uns.

Kaum jemand kennt Paris so gut wie Eric Hazan: Der Verleger und Autor, 1936 in Paris geboren, hat seine Stadt jahrelang erforscht, in seinem Buch „Die Erfindung von Paris“ (Amman-Verlag, 29,90 Euro) durchstreift er Quartier für Quartier. Aber Paris soll sich verändern: Im Rahmen des von Nicolas Sarkozy ausgerufenen Ideenwettbewerbs „Grand Paris – Métropole Post- Kyoto“ haben zehn internationale Architekturbüros Entwürfe erarbeitet, die das Pariser Architekturmuseum ab dem 29. April zeigt. Die Vorgaben waren, nach ökologischen Kriterien ein Groß-Paris zu entwerfen, das über die Stadtgrenzen und die Banlieue hinausgeht. In seinem kleinen Büro im Nordosten der Stadt erzählt Eric Hazan, was er von den neuen Visionen für Paris hält.

1. Der französische Architekt Antoine Grumbach schlägt vor, Paris an der Seine entlang bis ans Meer auszudehnen. Das „Pariser Tal“ soll eine Metropole mit großem Hafen werden.

„Diese Vision, Paris immer weiter zu vergrößern, erinnert mich an eine Idee des Humoristen und Präsidentschaftskandidaten Ferdinand Lop: Der wollte in den 50ern den Boulevard Saint-Michel bis an die Nordsee ausdehnen und Paris aufs Land verlegen, wegen der frischen Luft – vollkommen idiotisch. Expandieren heißt, sich der unerwünschten Leute einer Stadt zu entledigen, sie bis zu den Häfen zu treiben, über die ihre Vorfahren ins Land kamen. So würde eine Stadt entstehen, in der man die Armen schließlich nicht mehr in Paris und seinen Vororten, sondern in der Normandie findet. Schon vor 350 Jahren hat der erste Polizeileutnant von Paris das ,große Vertreiben‘ der Armen organisiert. Das war eine gemeinsame Aktion von Stadtplanern und Politikern, um die ,soziale Ordnung wiederherzustellen‘. Wo sind die Einwanderer, die Arbeitslosen und Prostituierten heute? In der Peripherie. Die zehn Architekten eines Groß-Paris müssen sich also fragen: Wie kann man das verhindern?“

2. Roland Castro, ein ehemaliger 68er, möchte Paris dezentralisieren und Kultur- und Freizeiteinrichtungen in die Vorstädte verlagern – zum Beispiel in La Corneuve einen großen Park nach Vorbild des New Yorker Central Park bauen.

„Die klassische Trabantenstadt La Courneuve reanimieren? Das hat Castro schon einmal versucht, Anfang der 90er Jahre. François Mitterrand hatte das Projekt ,Banlieue 8‘ initiiert, denn in den nördlichen Arbeitervorstädten lebten schon damals viele junge Menschen ohne Perspektive. Nun sollten sie ein ästhetisches Umfeld mit schönen Parks bekommen. Das hat gar nichts bewirkt, die lokalen Kommunen haben sich nicht zu eigenen kleinen Zentren entwickelt. Jetzt versucht es Castro wieder. Aber ein französischer Central Park? Das wäre nur eine Grünfläche mehr. Wenn einem nichts mehr einfällt, entwirft man eben grüne Landschaften. Die Frage, wie man mit den Vororten eine ,neue Stadt‘ entwickeln kann, stellte sich ja schon in den 60er Jahren, zu de Gaulles Zeiten. Damals war man genauso ratlos, wie es mit Paris weitergehen soll. Weit entfernt vom Zentrum sind neue Städte erst aus dem Boden geschossen – und dann im allgemeinen Desaster versunken. Die schönen Zeichnungen von Castro können die soziale Katastrophe nicht verhindern.“

3. Finn Geipel, Professor an der TU in Berlin, hat verschiedene Pariser Vororte besucht. Er will sie in kleinen Schritten in umweltfreundliche Zentren verwandeln. Außerdem möchte er die Erreichbarkeit bestimmter Punkte in der Stadt verbessern.

„Eine herrliche Idee! Er stellt sich das vor wie in Tokio: Dort sind die Randzonen lebendig, überall gibt es sogenannte Convenience Stores, kleine Service-Punkte oder Sozialstationen, in denen den Alten beispielsweise Essen ausgegeben wird. Um von einem Pol zum nächsten zu gelangen, nimmt man in Tokio den Zug, in Los Angeles das Auto. Finn Geipel möchte Elektroshuttles installieren und die Ufer der Seine wieder nutzbar machen: Das ist wunderbar. Es gibt in Paris gute Beispiele, wie in einem leeren Raum Neues entstehen kann und sich in die Landschaft einfügt, wie das Centre Pompidou. Ein weniger gutes Beispiel: Auf der Ile Seguin, in Boulogne-Billancourt, standen bis 1992 die alten Autofabriken von Renault. Dann sollte ein Museum dort gebaut werden, das Projekt scheiterte. Erst jetzt sieht es so aus, als könnte dort ein Wissenschafts-, Gesundheits- und Kulturzentrum entstehen. Momentan ist das Areal noch eine große Baustelle. Und es ist offen, wie lange es dauern wird, bis dort ein neuer Lebensraum entsteht. Und vor allem, für wen.“

4. Ins nördliche Aubervilliers will der Franzose Christian de Portzamparc die Bahnhöfe Gare du Nord und Gare de l’Est verlagern. Dort soll ein großer Europabahnhof entstehen. Und die Stadtautobahn Périphérique soll mit einer Schnellbahn überbaut werden.

„Gerade in den Bahnhöfen treffen doch verschiedene Milieus aufeinander. Dort tobt der tägliche Pariser Bürgerkrieg, das ist die Realität der Stadt! Diese Bahnhöfe mit all ihren Kontrasten aus Paris zu entfernen, hieße, das Vage und Unkontrollierbare aus der Stadt zu vertreiben. Da würde die Spaltung zwischen Kern und Randzonen noch mehr wachsen. Auch Portzamparcs Idee, die Stadtautobahn mit einer überirdischen Schnellbahnachse zu verdoppeln, würde die Spaltung vergrößern. Statt eines aufwendigen neuen S-Bahn-Netzes könnte man erst mal die vorhandenen Buslinien angleichen. Ist Ihnen das aufgefallen? Die Busse in Paris enden an der Périphérique.Warum können die nicht einfach weiter bis in die Vororte fahren?“

5. Von einem Manhattan an der Seine mit hohen Bürotürmen im nördlichen Gennevilliers träumt Jean Nouvel: monumental, aber ökologisch.

„Für mich ist diese eine typisch französische Idee von ,der Stadt‘: Ich, der große Architekt, werde ihr meine Fantasie aufdrücken, anstatt mich ihr bescheiden zu nähern! Diese Art von Urbanismus ist imperial. Muss man ständig alles vergrößern? Paris ist doch keine Wüste, auf der man alles neu entwerfen kann. Es ist kein Chandigarh, für das Anfang der 50er Jahre Le Corbusier seinen Flächennutzungsplan lieferte, kein Brasilia, das Oscar Niemeyer neu entworfen hat, kein St. Petersburg von Peter dem Großen. Die Peripherie so zu behandeln, muss scheitern. Und sobald in den Vororten die neuen Häuser von Jean Nouvel entstehen, steigt das Terrain in seinem Wert und die alteingesessenen Bewohner werden vertrieben.“

6. Das niederländische Architektenbüro um Winy Maas (MVRDV) plant große unterirdische Verkehrsachsen, die die Vorstädte miteinander verbinden, und eine Überbauung des 100 Meter breiten Boulevard Périphérique als Verknüpfung von Stadt und Vorstadt.

„Damit würde eine optische und infrastrukturelle Verbindung geschaffen, die Trennung zwischen Paris und den Randstädten wäre so kleiner. Ich bin dafür, die Grenzen der Stadt zu erweitern, wie es bereits im Süden und Westen geschehen ist. Es gibt in Paris zwei Arten von Vororten. die ,bürgerlichen‘ sind ins Zentrum integriert. Doch wer die Porte de Bagnolets im Nordosten zu Fuß durchqueren möchte, riskiert sein Leben. Da genügt es nicht, neue Transportwege zu schaffen. Man muss sich fragen: Wie verändern sich die Vorstädte selber? Und Straße für Straße Bilanz ziehen: Was existiert bereits, was kann man bewahren und verbessern?“

7. Bernardo Secchi und Paola Vigano vom Mailänder Studio 09 stellen sich ein Paris vor, das Zentrum und Peripherie gleichrangig behandelt.

„Das gefällt mir. Aber wollen das auch die Pariser aus dem Zentrum wirklich? Das bezweifle ich. In der Banlieue gibt es tatsächlich auch viele irreparable Orte: Wer Paris durch das Porte de St. Ouen verlässt oder vom Porte de Clichy nach Norden geht, sieht chaotische Gegenden an den TGV-Strecken. Dort müsste man ganz neu anfangen. Das dauert. Metropolen wie London oder Tokio, die gut funktionieren, sind mit der Zeit entstanden. In Paris fand die erste große urbanistische Umwälzung Anfang des 17. Jahrhunderts, unter Henri IV. statt. Der Place Dauphine, Pont Neuf und die Rue Dauphine wurden ein Ensemble. Von der Idee bis zur Fertigstellung hat das 30 Jahre gedauert.“

8. Djamel Klouche, Architekt im Buero L’ AUC Paris, will neue individuelle Transportmittel schaffen wie Elektroautos oder kollektive Taxis zwischen Paris und der Banlieue. Zudem plädiert er für soziales Wohnen und Kulturzentren.

„Ihm geht es offenbar mehr um das Wie als um das Was. Ein guter Ansatz. Er hat sich mit der Banlieue beschäftigt und vertraut nicht utopischen Plänen. Für mich ist soziales Wohnen das Thema der Zukunft. Wie schafft man es, im Pariser Zentrum und in den Vororten mit insgesamt zwölf Millionen Einwohnern einigermaßen erschwingliche und trotzdem angenehme Wohnbedingungen zu schaffen? Dass genau diese fehlen, provoziert ja heute viele soziale Spannungen.“

9. 20 Städte mit etwa 500 000 Einwohnern plant der Franzose Yves Lion. Sie sollen nach dem Vorbild amerikanischer Vorstädte um die großen Verkehrsknotenpunkte herum entstehen.

„In Lower Downtown von Denver ist es gelungen, die Randzonen in lebendige Gegenden mit Galerien, Einkaufsmeilen und Restaurants zu verwandeln. Aber der Wohnungsmangel hat bei uns Priorität. Dabei können Architekten nur begrenzt helfen. Aber vielleicht inspirieren die zehn Projekte Politik und Bürger, sich damit zu beschäftigen, wie die Banlieue ein bisschen mehr strahlen kann.“

10. Der Brite Richard Rogers würde Paris gern in eine grüne Stadt verwandeln. 400 Quadratkilometer der Dächer sollen zu grünen Plätzen werden. Um die sozialen Ungleichheiten als „wesentliches Handicap“ zu beseitigen, soll ein Plan verfasst werden, der Investment vor allem in den prekären Vorstädten koordiniert. Regionale Wirtschaft und Investition in grüne Technologien sollen gefördert werden.

„Eine gute Mischung zwischen Armen und Reichen? Ein schönes Ziel. Aber wie soll das gehen? Die einzelnen Projekte sind auf Investitionen angewiesen, die rentabel sein müssen. Also kann man gar nicht langfristig und im Sinne der Einwohner handeln. Diese Entwürfe führen dazu, dass sich die Gentrifizierung, die innerhalb der Mauern von Paris längst stattfand, nun auf die Peripherie ausdehnt: Die Mieten und Kaufpreise der Apartments selektieren die Menschen von ganz allein. Wie Rogers suche ich die soziale Mischung. Aber in Paris existiert sie kaum noch. Le Corbusier sagte einmal: ,Architektur oder Revolution? Ich bin für Architektur!‘ Bei mir ist es genau umgekehrt.“

Aufgezeichnet von Maxi Leinkauf

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Paris-Eric-Hazan-Sonntag;art2566,2781682

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